HOME 
 
 BIOGRAFIE 
 MYTHEN und FAKTEN 
 
 GEMÄLDE 1912-1913 
 GEMÄLDE 1914-1915 
 GEMÄLDE 1916-1920 
 GEMÄLDE 1921-1923 
 GEMÄLDE 1924-1926 
 GEMÄLDE 1926-1929 
 GEMÄLDE 1928-1935 
 GEMÄLDE 1933-1942 
 GEMÄLDE 1942-1956 
 HARLEKINE 
 
 ZEICHNUNGEN  GEGENSTÄNDLICH 
 ZEICHNUNGEN ABSTRAKT 
 AQUARELL, GOUACHE 
 RELIEFS 
 LINOLSCHNITTE 
 LITHOGRAPHIEN 
 
 TEXTE VON IWAN PUNI 
 AUSSTELLUNGEN
 
 WERKVERZEICHNIS 
 FÄLSCHUNGEN 
 ROLLE VON XANA 
 
 KONTAKT 

 

 

 

 

 

  RELIEFS РУ DE EN

Punis Faszinationperiode für Reliefs sowie für die Ungegenständlichkeit im Allgemeinen war relativ kurz – von 1913 bis 1916 – und endete 1919 mit der Schaffung eines "auf dem Brett montierten Tellers" – "einer suprematistischen Konstruktion, die bis zur vollen Vereinfachung und Lakonismus gebracht wurde", in seinen eigenen Worten. Diese Faszination war mit der Punis Bestrebung verbunden, die neueste, radikalste Kunst zu schaffen. Zwischen 1910 und 1912 lebte und studierte Puni in Paris, dort bereicherte er sein Wissen über die neuesten Trends in der Kunst, insbesondere den Fauvismus und den Kubismus. Im ersten Halbjahr 1914 war er mit Xana erneut in Frankreich, nahm am 30. Salon des Indépendants teil und vertiefte seine künstlerische Ausbildung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er dort auf die dreidimensionalen Assemblagen aufmerksam wurde, an denen Picasso zu dieser Zeit arbeitete.

Im März 1914 reiste Tatlin auch nach Paris. Er besuchte Picassos Atelier und wurde ein begeisterter Anhänger dreidimensionaler ungegenständlicher Kompositionen oder "Materialauswahlen", Reliefs und Konterreliefs, wie er sie nannte. Zuvor beteiligte sich Tatlin wie Puni und Malewitsch an den Aktivitäten des Verbands der Jugend. Nach seiner Rückkehr nach Russland (Herbst 1914) war Puni (zusammen mit Malewitsch) bereits dabei, die "Erste futuristische Gemäldeausstellung "Tramway W"" zu organisieren, bei der sie der Öffentlichkeit die radikalsten neuen Kunsttrends präsentieren wollten. Die radikalsten Strömungen verkörperten vor allem Malewitsch und Tatlin, und Puni musste viel Diplomatie an den Tag legen, um diese beiden extrem egozentrischen Meister unter einem Dach zu halten. Besonders schwierig wurde dies bei der nächsten Ausstellung – "Der letzten futuristischen Gemäldeausstellung "0,10"".

Puni strebte immer nach synthetischer Kunst, und die Werke, die er in der Ausstellung "Tramway W" zeigte, kombinierten die Ideen von Tatlins Materialauswahl und Malewitschs alogischen Gemälden. Von den 11 im Ausstellungskatalog aufgeführten Puni-Exponaten befinden sich heute zwei im Staatlichen Russischen Museum: „Harmonika“ (Nr. 49, Gemälde mit skulpturalen Elementen) und "Porträt der Frau des Künstlers" (Nr. 51, rein kubistische Malerei). Bekannt sind zwei weitere seiner Werke aus der Ausstellung "Tramway W", beide Reliefs aus unterschiedlichen Materialien: "Kartenspieler" (Nr. 54) und "Stillleben" mit Hammer (Nr. 57). Das Werk "Kartenspieler" wurde zum Gegenstand journalistischer Witze (typisch für Futuristen) und sein Foto wurde während der Ausstellung mehrmals in St. Petersburger Zeitungen veröffentlicht. Das Stillleben mit Hammer, aufgebaut aus drei überlappenden Pappbögen mit dem vorne befestigten Hammer, verband die Ideen von Materialauswahl und Readymades. Es ist nicht bekannt, ob Puny Duchamp und seine Experimente bereits kannte; wenn nicht, dann bewegten sie sich auf einem parallelen Kurs. Dieses Hammerrelief wurde 1921 von Puni in Berlin rekonstruiert und ist auf den Fotografien seiner Berliner Werkstatt dokumentiert.

Kurz nach "Tramway W" fand im Dobychinas Art Bureau (12. April – 9. Mai 1915) eine "Ausstellung von Gemälden linker Bewegungen" statt, zu der Puni ein einziges Werk gab, das journalistische Aufmerksamkeit erregte:
"Im ersten Raum wurde meine Aufmerksamkeit auf Punis Gemälde "Tote Natur" gelenkt. Das Bild ist nicht groß. Darauf ist gezeichnet... Allerdings ist das Gezeichnete schwer zu verstehen. Aber was auf das Gemälde Punis aufgeklebt ist, ist für jeden klar und verständlich. In der rechten Ecke der "Toten Natur" sind fünf echte Zigaretten aufgeklebt, die man in einem gewöhnlichen Tabakladen gekauft hat. Oben ist eine Schachtel Streichhölzer aufgeklebt. [usw]" (Д’Ор О.Л. На выставке футуристов // День. 15 апреля 1915, с. 4).

Dort, bei Dobychina, wurde am 19. Dezember 1915 die "Letzte futuristische Gemäldeausstellung "0.10"" eröffnet, deren Veranstalter ebenfalls Puni war. Laut Katalog präsentierte er 23 Werke. Davon waren 11 betitelt, dies waren offenbar Gemälde Öl auf Leinwand, und weitere 12 wurden zusammen als "Malerische Skulptur" und "Malerei" klassifiziert. Darunter waren Dinge, die es Puni fünf Jahre später (im Ausstellungskatalog der Galerie Der Sturm) ermöglichten zu behaupten, dass in der Ausstellung "0,10" "Suprematistische Gemälde (K. Malevich) und suprematistische Skulpturen (I. Puni, O. Rozanova) erstmals erschienen". Allerdings wurden diese suprematistischen Skulpturen in der Ausstellung "0.10" nur von wenigen Menschen verstanden und geschätzt. Journalisten machten sich wie üblich darüber lustig, und sogar Matjuschin schrieb in seiner Ausstellungsrezension über eines von Punis Werken: "Seine Kugel in der grünen Schachtel, die beste seiner Sachen, aber eindeutig kubistisch". Die rede ist vom Werk "Weiße Kugel", das Xana 1966 dem Musée National d'Art Moderne in Paris schenkte. Es ist nicht klar, was vom Kubismus Matjuschin darin sah: Auf der Grundlage einer gewöhnlichen Schublade wurde eine gegenstandslose Komposition aus einfachen geometrischen Formen und drei Lokalfarben aufgebaut. Neben dem schwarzen Trapez befindet sich ein grünes Trapez mit einer Scheibe einer weißen Kugel darauf. Alles ist sehr einfach. Und gleichzeitig ist es komplex: Das Werk vereint die Ideen von Tatlin (Materialwahl, Konstruktion, Faktur), Duchamp (Readymade Schublade) und Malewitsch (geometrische Ungegenständlichkeit, monochrome Farbflächen). "Es war ein wirklich innovatives Werk <...> die Kollision hochabstrakter Formen und prosaischer Alltagsgegenstände schien die russische Ungegenständlichkeit und die Readymades von Marcel Duchamp zu verheiraten <...> Aber Iwan Puni, nachdem er einige minimalistische Meisterwerke solcher Art geschaffen hat - "Weiße Kugel" gehörte zweifelsohne dazu, - hat diesen Weg ohne Entwicklung gelassen." (Шатских А.С. Казимир Малевич и общество Супремус. М.: Три квадрата, 2009, с. 124).

1914. Kartenspieler. In der Ausstellung „Tramway W“ Kat. 54. Verschollen. Zeitungsfoto, März 1915 1914. Stiefel und Stuhl. Mischtechnik. In der Ausstellung „Tramway W“ Kat. 59. Verschollen. Foto vom 1915 1914. Stillleben. Etüde. Mischtechnik. In der Ausstellung „Tramway W“ Kat. 53. Verschollen. Foto aus der Zeitschrift „Ogonyok“, März 1915 1914. Harmonika. Mischtechnik. 62 x 68 cm. In der Ausstellung „Tramway W“ Kat.-Nr. 49. Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg, Inv. ЖБ-1521 1914. Stillleben [mit Hammer]. In der Ausstellung „Tramway W“ Kat. 57. Verschollen. Auf dem Foto - Nr. 100 des Werkverzeichnisses, Rekonstruktion der Puni-Werkstatt, 1959-1966 1915. Weiße Kugel. Mischtechnik. 34 × 51 × 12 cm. Gezeigt in der Ausstellung "0.10". Musée National d'Art Moderne, Paris
1915. Suprematistische Skulptur. Verschollen. Auf dem Foto - Nr. 102 des Werkverzeichnisses, Rekonstruktion der Puni-Werkstatt (1959-1966) nach der Skizze des Autors (1915-1921) 1915. Suprematistische Skulptur. Verschollen. Auf dem Foto - Nr. 103 des Werkverzeichnisses, Rekonstruktion der Puni-Werkstatt (1959-1966) nach der Skizze des Autors (1915-1921). Musée National d'Art Moderne, Paris 1915. Suprematistische Skulptur. Verschollen. Auf dem Foto - Nr. 104 des Werkverzeichnisses, Rekonstruktion der Puni-Werkstatt (1959-1966) nach der Skizze des Autors (1915-1921) 1915. Suprematistische Skulptur. Verschollen. Auf dem Foto - Nr. 108 des Werkverzeichnisses, Rekonstruktion der Puni-Werkstatt (1959-1966) nach der Skizze des Autors (1915-1921) 1915. Suprematistische Skulptur. Verschollen. Auf dem Foto - Nr. 109 des Werkverzeichnisses, Rekonstruktion der Puni-Werkstatt (1959-1966) nach der Skizze des Autors (1915-1921) 1919. Stillleben [Teller auf dem Brett montiert]. Gezeigt in der Ersten Staatlichen Freien Ausstellung (1919). Verschollen. Auf dem Foto - Nr. 114 des Werkverzeichnisses, Rekonstruktion der Puni-Werkstatt, 1959-1966. Staatsgalerie Stuttgart

Das letzte Mal, dass Puni in Russland ausstellte, war auf der Ersten Staatlichen Freien Ausstellung von 1919, die im (ehemaligen) Winterpalast stattfand. Der Katalog listet 18 seiner Werke auf, darunter sieben "Stillleben" und vier "Ohne Titel". Eines dieser Stillleben war der auf dem Brett montierte Teller. Er wurde im Artikel "Праздник искусства" (Feier der Kunst) des anonymen F. in der Zeitung "Северная коммуна" (14. April 1919, S. 2) erwähnt: "Das Publikum bleibt vor den „Werken“ von Puni fassungslos stehen. Tatsächlich, es ist unmöglich zu verstehen, in welchem Verhältnis zur Kunst steht, zum Beispiel, ein von ihm ausgestellter Teller auf dem Holzbrett. Kein Gemälde, kein Bild eines Tellers, sondern ein gewöhnlicher Porzellanteller, der auf einem Holzbrett befestigt ist. Oder seine andere „Primitive“ gleicher Art. Die Platte ist symbolisch, sie ist eine Ableitung ad absurdum von all jenen künstlerischen Suchen, die sich völlig in die Form vertieften und den Inhalt völlig ablehnten. Auf jeden Fall gehören diese Werke in ein Labor oder Atelier, aber keineswegs auf eine Kunstausstellung, wo Kunstwerke gruppiert werden, kreative aber keine technischen Leistungen."

Puni erinnerte sich im Katalog der Sturm-Ausstellung an die Arbeit mit der Platte: "Sie löste unverdiente Kritik aus: Schließlich war diese Arbeit das letzte, letzte Glied der naturalistischen Periode, sowohl in ihrer physischen Zusammensetzung (in der Tat eine maximal mögliche Annäherung an Klarheit und Relativität), als auch in ihrer suprematistischen, bis zur völligen Vereinfachung und Lakonismus gebrachten Konstruktion."
Man merke die Ähnlichkeit dieses Werks, das eine für Puni wichtige Periode abschließt, mit der „Weißen Kugel“, das zu deren Beginn entstanden ist.

Insgesamt sind im Werkverzeichnis von Puni 16 Reliefs aufgeführt, darunter die "Weiße Kugel" und zwei verschollene ("Kartenspieler" und "Grünes Brett", worüber in Zeitungsveröffentlichungen während der Ausstellung "0.10" berichtet wurde). Die restlichen 13 Reliefs stellen spätere Rekonstruktionen dar, von denen die meisten, offenbar unter der Leitung von Xana, in Jahren 1959–1966 nach den Skizzen montiert wurden, die Iwan und sie 1921 für die Sturm-Ausstellung vorbereitet hatten. Im Werkverzeichnis heißt es dazu (verschwommen) wie folgt: "Von 1914 bis 1917 schuf er etwa dreißig malerische Reliefs, von denen wir heute nur einen Teil kennen. Die katastrophalen Winter 1918 und 1919 zwangen den Künstler, Reliefs zu opfern, um seine Werkstatt zu heizen. Daher wurden die meisten der unten aufgeführten Werke von Puni nach seiner Flucht aus Russland im Jahr 1920 anhand von Modellen und Skizzen rekonstruiert."
Tatsächlich wurde nur eines der Reliefs im Jahr 1921 von Iwan in Berlin rekonstruiert, nämlich das Stillleben mit dem Hammer, wie Fotos aus seiner damaligen Werkstatt belegen. Die restlichen Reliefs kamen erst 1959 zu Erwähnung, als Xana begann, das kreative Erbe von Puni in seiner Gesamtheit aktiv zu rekonstruieren und auszustellen. Was das Werk „Weiße Kugel“ (1915, Werkverzeichnis-Nr. 105, Musée National d'Art Moderne, Paris, Schenkung von Xenia Boguslawskaja (1966)) betrifft, gehen wir davon aus, dass es sich tatsächlich um dasselbe Werk aus dem Jahr 1915 handelt, was Xana in Leningrad gefunden und nach Frankreich gebracht hat. Um endgültig sicher zu sein, dass es sich nicht um eine unter ihrer Leitung angefertigte Replik handelt (wie fast alle anderen Reliefs im Werkverzeichnis), wäre eine Expertise von Materialalter erforderlich.